Interview des Monats mit GM Sebastian Bogner (Jugendschach Science City): «Mir bereitet das Unterrichten von Schach grosse Freude»

Jugendschach Science City feiert 2026 das 20-Jahr-Jubiläum. GM Sebastian Bogner kennt die Ursprünge und leitet auch Kurse. Der ASK Réti spielt dabei ebenfalls eine wichtige Rolle.
2026 feiert Jugendschach Science City das 20-Jahr-Jubiläum. Wie kam es 2006 zur Gründung?
Der damalige ETH-Student Christof Duthaler kontaktierte 2006 den ASK Réti mit der Idee, auf dem Campus der ETH Hönggerberg Schachkurse für Kinder und Jugendliche aus Höngg und Umgebung anzubieten. Diese Idee führte in Zusammenarbeit mit dem Projekt Science City, das unter anderem die Belebung des Campus Hönggerberg zum Ziel hatte, zur Gründung des Vereins Jugendschach Science City (JSC). Zum ersten Präsidenten wurde Eric Honegger gewählt. Der Vorstand setzte sich aus erfahrenen Jugendschach-Persönlichkeiten zusammen.
Wie sah es mit den Finanzen in der Anfangsphase aus?
Dank eines mit 5000 Franken dotierten Preises der Sanitas Challenge und weiterer Stiftungsbeiträge war JSC früh finanziell gut aufgestellt und konnte sich auf seine Kernziele konzentrieren: Schulschach und den Aufbau eines Trainingsbetriebs am Hönggerberg. Mit einem rasch wachsenden Trainer(innen)team und Projekten wie der «Steinitz»-Woche etablierte sich JSC schnell in der Zürcher Schachlandschaft.
Können Sie die 20-jährige Geschichte von Jugendschach Science City in einigen wenigen Stichworten skizzieren?
2006/07: Idee und Gründung am ETH-Campus Hönggerberg.
Schulschach: Aufbau eines breiten Kurs- und Trainingsangebots.
Wachstum: zunehmende Mitgliederzahlen und Professionalisierung.
Förderung: Breiten- und Leistungsschach für Kinder und Jugendliche (in verschiedenen Kursangeboten).
Erfolge: Präsenz und Eingliederung der aufstrebenden Jugendlichen in die Vereinslandschaft.
Heute: fester Bestandteil der Zürcher Schachlandschaft.
Wie ist Jugendschach Science City organisiert?
Wir setzen uns aus drei Niveau-Gruppen zusammen.
Gruppe I: Einsteiger – für Kinder ohne oder mit sehr geringen Vorkenntnissen.
Gruppe II: Fortgeschrittene – für Jugendliche mit ersten Erfahrungen (ab ca. 1000 ELO).
Gruppe III: Förderkurs – intensiveres Training und vertiefte Themen (ab ca. 1400 ELO).
Leiten Sie alle Kurse selbst, oder hat es noch andere Leiter(innen)?
Josephine Scherler leitet den Einsteigerkurs. Bevor sie als Trainerin bei Réti startete, besuchte sie die Kurse dort selbst. Den Fortgeschrittenenkurs leitet Anselm Schönbächler, der ebenfalls bei Réti das Schachspielen erlernt hat – darauf sind wir besonders stolz. Den Förderkurs für die besonders ambitionierten Spielende leite ich selbst.
An wen richtet sich Jugendschach Science City?
Jugendschach Science City richtet sich an Kinder und Jugendliche im Alter von ca. 7 bis 18 Jahren. Sowohl Neueinsteiger(innen) ohne Vorkenntnisse als auch Fortgeschrittene sind willkommen, da die Kurse in drei Leistungsgruppen angeboten werden und jeder Schachspieler und jede Schachspielerin in seinem/ihrem Tempo weiterlernen kann.
Was ist das Ziel der Kurse?
Ziel von Jugendschach Science City ist es, möglichst viele Kinder und Jugendliche für den Schach zu begeistern und sie idealerweise langfristig in den Verein einzubinden. Gleichzeitig entwickelt JSC gezielt das Spitzenschach, indem talentierte Spieler(innen) individuell durch das Grossmeister-Training gefördert werden.
Wie messen Sie den «Erfolg» von Jugendschach Science City – eher an Titeln oder an langfristiger Bindung ans Schach?
Jede Kurs- oder Vereinsanmeldung ist für uns bereits ein Erfolg – gerade angesichts der grossen Konkurrenz durch vielfältige Freizeitangebote. Jede Begeisterung fürs Schach sehen wir als Gewinn und freuen uns, Kinder und Jugendliche ein Stück begleiten zu dürfen. Auch wenn nicht alle langfristig dabeibleiben, möchten wir möglichst viele für das Vereinsschach gewinnen.
Wie finanzieren sich die Kurse?
Die Finanzierung unserer Kurse beruht auf drei Säulen: Erstens durch die Kursgelder der Eltern, zweitens durch die ETH Hönggerberg, die uns die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt, und drittens durch eine städtische Unterstützung in Form eines Förderbeitrags.
Können Sie uns etwas zum Training im JSC sagen.
Erwähnenswert ist beispielsweise, dass wir mit der international erfolgreichen Stufenlernmethode arbeiten. Die Schachlernenden können daher ganz ihrer persönlichen Spielstärke entsprechend und im eigenen Tempo die aufbauenden Trainingslektionen durchlaufen.
Betrachten Sie Science City als Jugendschach-Sektion des ASK Réti, oder hat der ASK Réti eine eigene Nachwuchsabteilung?
Jugendschach Science City ist faktisch die Nachwuchs- und Jugendabteilung des ASK Réti. Der Verein bündelt darüber seine gesamte Jugendarbeit. Ergänzend dazu ist geplant, künftig auch Angebote im Erwachsenenbereich – zentraler in der Stadt, etwa beim Klusplatz – aufzubauen und damit die Verbindung zwischen Jugend- und Erwachsenenschach weiter zu stärken.
Folglich kann man von einer engen Beziehung zwischen Jugendschach Science City und dem ASK Réti sprechen.
Die Beziehungen zwischen Jugendschach Science City und dem ASK Réti sind sehr eng – insbesondere in der Nachwuchsarbeit. Das zeigt sich auch daran, dass aktive Schüler früh Verantwortung übernehmen. Einer unserer aktuellen Kursteilnehmer ist mit 19 Jahren bereits in Vorstandsfunktionen tätig. Das Training vermittelt nicht nur schachliche Fähigkeiten, sondern auch Struktur und Verantwortungsbewusstsein, was junge Spieler motiviert, etwas zurückzugeben und die Jugendarbeit aktiv mitzugestalten.
Wie viele Teilnehmende der Kurse von Jugendschach Science City treten später dem ASK Réti bei?
Aktuell haben rund 14 von etwa 150 ASK-Réti-Mitgliedern einen Bezug zu Jugendschach Science City. Die langfristige Übertrittsquote ist noch ausbaufähig, zugleich bietet der Klub jungen Spieler(inne)n attraktive Rahmenbedingungen – etwa durch Förderungen im Mannschaftsspielbetrieb.
Das Schweizer Schach erlebt derzeit auf mehreren Ebenen einen Boom. Merken Sie das auch bei Jugendschach Science City?
Ja, den Boom nehmen wir grundsätzlich wahr – auch wenn er sich bei Jugendschach Science City nicht in einem deutlichen Anstieg der Teilnehmenden zeigt. Das liegt unter anderem daran, dass das Angebot in den umliegenden Regionen stark gewachsen ist und es inzwischen mehrere Schachschulen sowie Angebote in Schulen gibt.
Worauf führen Sie konkret das gesteigerte Interesse am königlichen Spiel zurück?
Der Aufschwung hatte während der Corona-Pandemie eine Hochphase, da Schach gut online spielbar ist. Zusätzlich haben mediale Aufmerksamkeit, Online-Plattformen und bekannte Vorbilder im Spitzenschach das Interesse insgesamt erhöht. Internationale Schlagzeilen wie der Carlsen-Niemann‑Skandal oder «Jeansgate» haben das Interesse am Schach zusätzlich gesteigert.
Sie betreiben auch eine eigene Schachschule. Inwiefern unterscheidet sich diese vom Angebot von Jugendschach Science City?
Meine eigene Schachschule unterscheidet sich klar vom Angebot von Jugendschach Science City. Während bei JSC Einsteiger und Jugendliche im Entwicklungsbereich in Gruppenkursen am Hönggerberg trainiert werden, richtet sich mein eigenes Angebot ausschliesslich auf Individualtraining.
Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer eigenen Schachschule?
Der Fokus liegt auf der gezielten, schrittweisen Optimierung spezifischer Spielbereiche – etwa Visualisierung, strategisches Verständnis oder Endspiele, abgestimmt auf die individuellen Bedürfnisse der Spielerinnen und Spieler. Das Training ist dabei häufig intensiver und umfasst neben klar definierten Leistungszielen auch Unterstützung beim selbstständigen Training.
Sie sind auch Profispieler. Welchen Stellenwert hat das Kurswesen in Ihrer Schachagenda?
Ich sehe mich selbst eher als Semiprofi, da meine Haupttätigkeit im Trainer- und Kurswesen liegt. Entsprechend hat das Kurswesen in meiner Schachagenda einen hohen Stellenwert und steht vor der Turniertätigkeit. Durch die guten Möglichkeiten des Online-Trainings lässt sich beides jedoch gut miteinander verbinden.
Worin liegt die Faszination für Sie, neben Spielen auch als Kursleiter zu wirken?
Ich habe früh gemerkt, dass mir das Unterrichten von Schach grosse Freude bereitet. Deshalb habe ich mich nach meinem Wirtschaftsstudium bewusst für eine pädagogische Ausbildung entschieden. Besonders fasziniert mich die Arbeit mit unterschiedlichen Menschen und das Vermitteln komplexer Zusammenhänge auf verständliche Weise – am liebsten natürlich in meiner grössten Leidenschaft, dem Schach.
Können Sie von den Kursen auch für Ihr eigenes Training profitieren, oder sind dies zwei völlig verschiedene Paar Schuhe?
In intensiven Trainings mit sehr spielstarken Teilnehmenden profitiere ich auch für mein eigenes Spiel. Bei den meisten Kursen steht jedoch klar die Vermittlung und Erklärung von Spielsituationen im Vordergrund.
Sie sind seit 2009 Grossmeister und dreifacher Schweizer Meister. Welche weiteren Ziele haben Sie auf Ihrer Wunschliste?
Ein sportliches Ziel ist es, die Marke von 2600 ELO, die ich bereits zweimal überschreiten konnte, erneut zu erreichen. Daran arbeite ich aktuell gezielt. Darüber hinaus ist es mir wichtig, meine Erfahrungen weiterhin in Training und Nachwuchsarbeit einzubringen und so langfristig zum Schweizer Schach beizutragen.
Was hat Ihnen die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen persönlich fürs Leben gegeben?
Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, neugierig zu bleiben und Freude am Lernen zu bewahren. Sie fördert Geduld, Empathie und den Umgang mit unterschiedlichen Persönlichkeiten. Gleichzeitig sind durch die langjährige Arbeit im Jugendbereich viele Freundschaften entstanden, die weit über das Schach hinausgehen. Dafür bin ich sehr dankbar.
Interview: Graziano Orsi
Sebastian Bogner persönlich
Deutscher Staatsbürger.
Schweizer Nationalspieler seit 2015
Geburtsdatum: 17. Januar 1991.
Wohnort: Einsiedeln.
Beruf: Lehrperson für Wirtschaft und Schachtrainer.
Titel: Grossmeister (seit 2009).
ELO: 2552.
Grösste Erfolge: Schweizer Meister 2018, 2024, 2025, Schweizer Mannschaftsmeister 2013 (mit Réti), Team-Cup-Sieger 2013 (mit Réti), bester Einzelspieler in der Nationalliga A 2017 (7½ aus 9), Turniersiege in St-Quentin (2025), Cannes (2017), Liechtenstein (2012, 2014), Gausdal (2004), 3. Platz deutsche Einzelmeisterschaft 2010, deutscher U16-Meister 2007, deutscher U10-Meister 2001.